Zeitreise im Schlosspark Schleißheim: Barocke Jagdgesellschaft 1759 erlebt

Gitta und ich haben im Hofgarten am Rande der Bosketts vom Schloss Schleißheim eine Zeitmaschine gefunden, die uns ins Jahr 1759 katapultiert: Ziiiiiiisch – Fuppp!

Seit 14 Jahren regiert Joseph das Kurfürstentum Bayern. Die Großmächte Großbritannien und Preußen kämpfen gegen Österreich, Russland und Frankreich. Mittendrin Bayern, das sich bemüht, soweit möglich, sich aus den Kriegshandlungen herauszuhalten. In den Wirren des siebenjährigen Kriegs trifft sich der Adel auf einem gesellschaftlichen Großereignis, der höfischen Jagd.

Angemerkt: Im nachgestellten Jagdlager wurden natürlich keine Tiere geschossen. Auch fanden die kurfürstlichen Jagdveranstaltungen nicht im Hofgarten von Schloss Schleißheim statt, sondern in den Jagd-Revieren, meist südlich von München. Die Darsteller sind eine Interessengemeinschaft, die mit hohen Sachverstand und Detailtreue an historischen Orten Szenerien des 18. Jahrhunderts zum Leben erwecken. 

Die Jagd im Barock als gesellschaftliches Ereignis

Die Jagd war im Barock ein Hofspektakel, das der Repräsentation herrschaftlicher Macht und fürstlichen Reichtums diente, für das enormer Aufwand betrieben wurde. Das Jagdgebiet reichte einst von Schleißheim, Nymphenburg bis zum Starnberger See. Das von Max Emanuel erbaute Jagd- und Lustschloss Fürstenried im Süden von München war Teil einer riesigen Infrastruktur.

Die Parforcejagd leitet sich vom Herkunftsland Frankreich und der Bezeichnung „Par Force“ ab, was „mit Gewalt“ bedeutet und auf eine Hetzjagd mit Hundemeute und einer Begleitung zu Pferd hinweist. Als Reittrassen wurden Geräumte für den schnellen Ritt im nahen Forstenrieder Park angelegt. die mit den heutigen allerdings nicht identisch sind.

Die Eingestellte Jagd fand seit dem 16. Jahrhundert statt. Das Wild wurde von Treibern oft tagelang in die Enge getrieben, welche mit Leinentüchern begrenzt war und aus dem die Tiere nicht ausbrechen konnten. Die Vorbereitung der eingestellten Jagd war Zeit und kostenintensiv, da viele Treiber, Jäger, Ausrüstung und Verpflegung nötig war, da auch der gesamte Hofstaat als Zuschauer teilnahm. Der Adel musste am Ende nur noch mit den Flinten auf das Wild schießen, um Ausbildung, Körperbeherrschung und Waffengebrauch zu demonstrieren. Auf den gewohnten Luxus wollte man dabei auch in der Natur nicht verzichten.

Unerkannt fangen wir ein paar Gesprächsfetzen auf, dass Obersthofmeister Johann Maximilian IV. Emanuel von Preysing wohl noch kommen werde. Gelächter, nach dem Kommentar, „ob er sich aufs Pferd setzen will?“ Lautes Lachen nach einer trockenen Anmerkung: „Wenn Sie Glück haben, errichtet Ihnen der Kurfürst auch ein Denkmal, wenn Sie vom Pferd fallen“…

„Jagen gehört zum lust, gleich wie reiten, tanzen, fechten…

…doch dinet das Reiten und Fechten auch zum Ernst und ist nötig, das Jagen zur Haushaltung und Übung des Leibes und Gesundheit, wann es recht gebraucht wird.“ Ansbachische Monatsschrift, Band 2/1794.

Ein Fechtmeister stellt uns sein Können dar. Fechtbuch und ein Schaukampf sind Bewerbung sowie Beweis seiner Kunst, die er uns andienen möchte. Eine gute Investition, da der Umgang mit dem Degen nicht nur Schutz vor Räuber und Spitzbuben war, sondern auch eine Lebensversicherung bei Duellen ist. Schnell ist die Ehre eines Höflings und Schranzen gekränkt und nur ein Duell kann Selbstachtung und den Glauben an die durch Gottesgnadentum angeborene Würde verteidigen.

Wie schon William Shakespeare schrieb:
Ehr‘ ist des Lebens einziger Gewinn; nehmt Ehre weg, so ist mein Leben hin.

Die Liebe steckt im Detail

Und heute? Was ist der Antrieb sich so konsequent einer geschichtlichen Epoche zu verschreiben? Der Aufwand ein Jagdlager aufzubauen war im Barock riesig und 250 Jahre später nach meinem Ermessen auch. Auch wenn Schloss Schleißheim den perfekten Rahmen für eine historisches Jagdlager bietet, sind es doch nur wenige Artefakte, die original sind. Doch viele der Gewänder sind handgenäht, die Knöpfe teils gewickelt. In den Zelten bedecken Teppiche den Boden, auf den Tischen stehen Porzellan und Obstkörbe. Die Ausstattung soll dem Vorbild so nah als möglich kommen. Wie jede Woche einen Blogbeitrag zu schreiben und sich mit neuen Inhalten auseinanderzusetzen, bedarf es viel Faszination und Antrieb in eine geschichtliche Epoche so konsequent einzutauchen und an der Perfektionierung jedes Details zu arbeiten.

Romantiker treffen Romantiker

Mache Darsteller tauchen mit einer Parallelidentität in das höfische Leben ein und vergessen dabei den digitalen Schnickschnack und die Geschwindigkeit um sich herum. Der Barock war eine theatralische Zeit, mit großer Inszenierung des Absolutismus und besonders der Sinnenfreuden. Das kann faszinieren. Spinnerei? Das liegt im Auge des Betrachters. Wir auf jeden Fall sind beeindruckt, auch von der Konsequenz und dem hohen Maß an Fachwissen in jedem einzelnen Gespräch mit den Darstellern. Sie sind mitteilsam, extrovertiert und jedem guten Foto gegenüber aufgeschlossen. Fragen sollte man aber vorher trotzdem.

Wege zum Ruhm und weißblaue Himmelsstürmer über Schloss Schleißheim

Kurze und ausgedehnte Spaziergang (4,2, 6,2 und 9,2 Kilometer) durch den Hofgarten von Schleißheim bis zum Schloss Lustheim oder weiter durch die Hochmuttinger Heide.
Zum Beitrag Erlebnisspaziergang Schloss Schleißheim

Weitere Informationen über gelebte Geschichte des 18. Jahrhunderts

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