Waldruh Dietramszell: Im Bestattungswald unter Bäumen Abschied nehmen

2020 ist ein Jahr mit Zäsuren. Die größte davon war der Tod meines Vaters. Auch wenn in Anbetracht seines Gesundheitszustandes und dem Alter der Tod nicht überraschend kam, muss man damit umgehen – lernen. Spätestens dann müssen auch Entscheidungen getroffen werden. Wird es eine Erd- oder eine Feuerbestattung? Wie wollen wir das persönliche Abschiednehmen für Familie, Freunde und Bekannte im sozialen Umfeld gestalten und wo wollen wir den Angehörigen beerdigen? Wir haben uns relativ rasch für eine Urnenbeerdigung im Bestattungswald Waldruh in Dietramszell entschieden. Seine wirklich herrliche Lage genau an einer unserer Lieblingswanderungen waren wichtige emotionale Aspekte. Würde braucht Stille, Respekt und Frieden. Und vielleicht eine Kuhglocke. Vielmehr eigentlich nicht. Und gerade weil sich darüber die Geister scheiden, ist es schön, dass es zur herkömmlichen Friedhofskultur immer mehr Alternativen gibt. Das finden wir gut und darüber schreibe ich.

Die „letzte Ruhe“ muss zum Verstorbenen passen, aber auch zu den Lebenden

Gerne verdrängt, wird der Tod  immer dann grausam erlebbar, wenn ein Bekannter, Freund oder ein Familienmitglied stirbt. Mit meinem Vater habe ich nie über seinen Wunsch gesprochen, wie er sich seine Beerdigung vorstellt –  und manch anderes nicht – worauf ich jetzt keine Antworten mehr bekomme. Es gibt kein Familiengrab, das die Entscheidung der „letzten Ruhe“ vorwegnahm. Meine Mutter half mir bei der Entscheidung für eine Urnenbestattung. Von der Teilnahme an der Einäscherung haben wir abgesehen, da der Prozess irritierend technologisch, und für die Trauerbewältung in schwerer Zeit eher verstörend klang, zumindest nach unserem Gefühl.

Ich habe recherchiert: Laut Umfragen der Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen e. V. haben Urnenbestattungen von 67% (2017) auf 73% (2018) zugenommen. Überhaupt ändert sich die Trauerkultur. Nach einer Arbeit von Dominic Akyel wandelte sich ab den 90er-Jahren die Wahrnehmung traditionell christlicher Abschiedsrituale, wie ein anständiges Begräbnis auszusehen hatte. Die Gründe lagen in vielen Gesetzesänderungen, die maßgeblichen Einfluss auf die Bestattungskultur hatten. Zuvor sparte man, zumindest wer es sich leisten konnte, weder am Sarg noch an der Trauerfeier. Nach Abschaffung des Sterbegeldes durch die Krankenkassen und die Sargpflicht wurde Tod und Trauer zunehmend liberaler interpretiert und der Friedhof infrage gestellt. Das gilt auch für uns.

Friedhofsmauern sind traditionell keine Orte der Freiheit. Gräber in Reih und Glied, Orte des schlechten Gewissens, da die Bepflanzung nur halb so gepflegt ist wie nebenan. Friedhöfe sind Steinbrüche des schlechten Geschmacks mit Erinnerungsmonolithen für die Ewigkeit, ignorierend, dass man das Grab nur für eine kurze Zeit „mietet“. Hier herrscht viel zu viel Ordnung und Verbissenheit, die Kontrolle über die Natur zu behalten. Außerdem ist unser Hund nicht willkommen, nicht mal an der Leine.  Dennoch kommt Bewegung auch in die städtischen Friedhöfe von München. Im Waldfriedhof werden immer neue Flächen ausgewiesen, auch in Solln und im Friedhof Haidhausen gibt es mittlerweile das Angebot. Echte Naturfriedhöfe sind es aber nicht, dafür aber besser zu erreichen.

Christiliche Religion und Baumbestattung ist kein Widerspruch

Ich finde, dass es wichtig und richtig ist alternative Bestattungsmöglichkeiten anzubieten, da sich Trauerbewältigung in kein Muster pressen lässt. Kirchliche Riten, den letzten Willen eines Verstorbenen würdigen und die Bedürfnisse der Angehörigen in Einklang zu bringen ist kein Widerspruch.

Mein Vater war regelmäßiger Kirchgänger, zumindest wo er noch dazu in der Lage war. Aus diesem Grund haben wir die Familie, Freunde und Bekannte wenige Tage nach seinem Tod zu einem Trauergottesdienst in die ehemalige Gemeinde eingeladen. Der Rahmen war feierlich und die sehr schönen Worte des Pfarrers tröstend. Das hätte sich nicht nur mein Vater so gewünscht, sondern auch sein christlich sozial geprägte Umfeld. Auch, wenn die  Entkirchlichung der Bestattungskultur voranschreitet, ist sie noch lebendiger Anker unserer Trauerkultur. Das ist zu respektieren, da es nicht nur um die eigenen Bedürfnisse geht, sondern auch darum, anderen nahestehenden Menschen den Abschied und die Auseinandersetzung mit dem Tod zu ermöglichen.

Die Beisetzung im Bestattungswald Waldruh in Dietramszell haben wir nur im engeren Kreise und ohne Anwesenheit eines Pfarrers geplant. Das wurde von den Meisten auch anstandslos akzeptiert.

Der Bestattungswald Dietramszell hat uns gefunden

Wegen Corona war es mir leider drei Monate nicht erlaubt, meinen Vater auf der beschützten Station zu besuchen. Zum Glück war meine Mutter im gleichen Stift untergebracht, sodass sie täglich Kontakt zu ihm halten konnte. Erst nach Anruf durch Palliativ Care war es möglich, mit einer Sondergenehmigung und dick verpackt den mittlerweile sehr schwachen Vater zu besuchen. Die Stimmung am nahen Geburtstag meiner Frau war deswegen sehr gedämpft. Wir beschlossen nach Dietramszell zu fahren und uns dort mit einem Abendspaziergang die Füße zu vertreten und den Kopf durchzupusten. Unterwegs Hackschnitzelwege im Forst. Daheim Nachrecherche. Ist unser Wanderbeitrag zum Waldweiher anzupassen?

Dann in Erfahrung gebracht, dass hier der Bestattungswald Waldruh entsteht und wer der Ansprechpartner ist. Wenige Tage später persönliches Abschiednehmen. Mit der Familie beschlossen, Papa in Dietramszell zu beerdigen. Freie Auswahl bei den Bäumen. Wir haben uns für eine Buche nahe dem Schilf entschieden. Mein Vater verstarb am nächsten Tag in den frühen Morgenstunden. Bis zur Urnenbeisetzung haben wir allerdings noch zweieinhalb Monate bis nach der offiziellen Einweihung am 17.09.20 gewartet. Wir waren die fünfte Beerdigung.

Das Leben steckt voller seltsamer Zufälle, die vielleicht gar keine sind. In einem Blogbeitrag habe ich bereits einen Beitrag darüber verfasst.

Wie individuell willst du die Beisetzung gestalten?

Ein Baum im Bestattungswald macht noch keine Beerdigung. Für die Versammlung gibt es einen offenen Andachtspavillion südöstlich des Waldweihers. Der Blick ist atemberaubend, besonders im Herbst. Leicht oberhalb am Waldrand siehst du alte Baumriesen zur Rechten, Wiesen, Schilf und Wasser. Fast wie in einem Park. Die Urne steht auf einem geschmückten Holzblock. Zwei brennende Laternen darunter. Die Trauergemeinde sitzt auf Holzbänken mit Filzkissen. Ein Ort, der mit Worten zu füllen ist, die erst gefunden werden wollen. Ich wollte keinen Trauerredner, sondern selbst sprechen. Nicht über das Leben vom Vater, nicht über Gott, sondern wie wir uns mit der Situation fühlen und einordnen. Die Worte flossen erst zwei Tage vor der Beerdigung, als ich die Fotos vom letzten Besuch mit Papa hier am See ansah. Sie entstanden auf den Tag vor drei Jahren und erinnerten mich an das letzte Gedicht von Hermann Hesse „Knarren eines geknickten Astes“.

17.09.2017: Letzte gemeinsame Seeumrundung des Dietramszeller Waldweiher mit Papa

Einer unserer letzten gemeinsamen Wanderungen ging um den Waldweiher. Wir haben den Tag genossen. Es war der 17.09.2017. Zwei Jahre auf den Tag, an dem ich vorgestern versucht habe, meine Gedanken zu sammeln und nach Worten zu ringen und die Grabrede zu schreiben.

Papa war kraftlos geworden, unsicher im Gang und ein Stück weiter am See ist er ausgerutscht. Wir waren froh, dass er sich nicht weh getan hatte. Sein starker Willen hat ihn noch ein Stück bis kurz vor seinem 90 Geburtstag getragen.

Viel brauchte es nicht, nur noch eine Trompete. Die Sonne meint es gut mit uns.

Asche und Emotionen wiegen schwer

Es wiegt nicht nur die Emotion, sondern auch die Asche eines Menschen. Um die 3 Kilogramm sind es, ohne die biologisch abbaubare Urne, die ich vorsichtig zum Baum getragen habe. Das Loch, ist etwa zwei Meter vom Baum entfernt, 80 cm tief, schön geschmückt. Die Urne stelle ich auf einer Baumscheibe ab. Gedichte, Worte, Andacht. Die Urne wird an zwei starken Kordeln in die Erde gelassen. Wir haben Blütenblätter mitgebracht und sie ins Grab gestreut, und eine handvoll Erde hinterher. Blumen ohne Papier, Plastik und Draht legen wir daneben. Schweigen. Ein Lied. Ende. Während wir zu Fuß zur Klosterschänke gehen, wird von den Waldruh-Mitarbeitern die Plakette an den Baum geschraubt und die Grube verfüllt. Wir finden später den Beerdigungsplatz mit unseren Blumen geschmückt.

Waldbeerdigung. Für uns ein gutes Gefühl

Zumindest für uns. Das haben wir auch am nächsten Tag gemerkt, da wir gleich am nächsten Tag noch mal nach Dietramszell gefahren sind, um den Spätnachmittag dort zu verbringen. Das wäre uns bestimmt nicht bei einer Beerdigung auf einem städtischen Friedhof passiert. Der eingewachsene Mischwald ist friedvoll und naturbelassen und liegt unmittelbar am Waldweiher. Es gibt keine Grabsteine. Grabpflege ist weder nötig noch erwünscht. Die Pflege der Ruhestätte wird ganz der Natur überlassen. In der Waldruh darf nicht gejagt werden, noch wird sie aktiv bewirtschaftet. Dennoch wird der Ort regelmäßig gepflegt, damit ein würdiges Waldbild erhalten bleibt. Der Bestattungswald ist frei begehbar. Die Wege sind mit Hackschnitzeln bestreut. Das macht den Wald bei Dietramszell aus. Wir sind draußen in der Natur, wo es keinen Zaun gibt, der die Lebenden von den Toten trennt.

Es ist schön, mit Dietramszell einen Ort zu haben, der uns schon in der Vergangenheit ein liebes Ziel für einen Spaziergang war und jetzt Teil unseres Lebens wird. Das Thema Bestattung hätten wir mit dem Familienbaum geklärt. Wenden wir uns wieder dem Leben zu.

Waldruh Dietramszell

Auf sieben Hektar Fläche sind derzeit 300 Bäume für Bestattungen markiert. Es gibt Familienbäume für bis zu 12 Urnen mit einem Nutzungsrecht bis zum Jahr 2099, sowie Einzelplätze für 25 Jahre. Die unterschiedlichen Preise ergeben sich aus der Lage, der Art des Baumes und seinem Alter. Beerdigt werden kann jeder, unabhänig von Wohnort oder Nationalität. Die Angehörigen bekommen eine Urkunde mit Karte auf der der Baum markiert ist. Hunde dürfen angeleint  mit in den Wald genommen werden.

Dietramszell liegt kanpp 40 Kilometer südlich von München und ist mit dem Auto in ca. 35 Minuten zu erreichen. Die Anbindung mit öffenlichen Verkehrsmitteln ist leider weniger optimal geregelt, aber das ändert sich hoffenlich noch mal.

Träger der Waldruh in Dietramszell

Das Bestattungsgesetz bestimmt, dass der Träger eines Friedhofs  eine juristische Person des öffentlichen Rechts sein muss. Daher verpachtete der Waldbesitzer Fabian von Schilcher  den Wald mit einer Grunddienstbarkeit auf 99 Jahre an die Gemeinde Dietramszell, um es dann wieder an die von Schilcher’sche Forst- und Gutsverwaltung zum Betrieb des Bestattungswalds zu übergeben.

Website von Waldruh Dietramszell

Was ist der Unterschied zwischen Bestattungswald, Waldruh und Friedwald?

In einem Bestattungswald finden Baumbestattungen statt, die je nach Betreiber „Waldruh“ oder z.B. „Friedwald“ heißen. Die Bezeichnung Bestattungswald ist sozusagen der markenneutrale Über- bzw. Gattungsbegriff. Der Bestattungswald in Dietramszell ist kein Friedwald, sondern eine „Waldruh“ nach dem Konzept von Johannes von Bodman, der Waldbesitzer bei der Umwidmung ihrer Wälder in Bestattungswälder unterstützt. Er verwaltet am Bodensee bei Allensbach ebenfalls einen Bestattungswald. FriedWald® hingegen ist ein eingetragenes Markenzeichen der Friedwald GmbH, die in Deutschland über 70 Bestattungswälder betreiben.

 

 

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