Oder: Was ich an München vermissen würde

Immer diese absurden Fragen: Die Überlegung, was ich mit 1.000.000 Euro machen würde, ist beispielsweise genau so abwegig, wie die Erkundigung, nach „Was ich an München vermissen würde“. Zum Einen, weil ich noch nie Lust hatte, aus München wegzuziehen, zumindest nicht weiter weg als S-Bahn oder die Bob fährt und zum Anderen, weil es  die falsche Entscheidung wäre. Als genau jene letzte Frage im Rahmen der Blogparade von blog.muenchen.de  an die lokalen Schreiber gestellt wurde, hab ich doch noch mal genauer darüber nachgedacht. Zeit hat man ja, wenn man fast täglich mit der U-Bahn durch die Stadt fährt und sein gelangweiltes Spielgebild in der Scheibe anschaut.

Im Blindflug durch München

Einmal von Süd nach Nord am Morgen, und am Abend zurück. Von München, der Perle des Südens sehe ich nichts, da ich in einer Röhre brause, obwohl es über mir eine Menge zu entdecken gäbe. Lediglich die Haltestellen der U-Bahnen geben mir eine Vorstellung, wo ich mich gerade befinde. „Odeonsplatz“: Ah, Feldherrnhalle, Blick zum Siegestor, Löwe mit blankpolierter Nase am Eingang zum Residenzhof. Ob das Gerüst an der Theatinerkirche schon wieder weg ist?

Vermisse ich die Stadt über mir? Als ich mich vor einiger Zeit in die Fußgängerzone verirrt habe, war ich erstaunt. Dort wo früher der Oberpollinger am Dom war, ist jetzt eine monstergroße Filiale von Sport Scheck. Da läuft wohl Einiges an mir vorbei, seit ich nur noch die unterirdische Direktroute durchs Zentrum nehme. Ich könnte jederzeit einen tiefen Atemzug von der Luft der schönsten Stadt der Welt nehmen, etwas bummeln und an der nächsten U-Bahn-Station wieder meine Fahrt aufnehmen, aber vielleicht ist mir das auch nicht mehr so wichtig wie früher, wo man zuerst in Haidhausen und danach in Untergiesing am Schyrenbad gewohnt hat. Heute reicht mir die Stadt im Rücken, verheißungsvoll, optional. Im Speckgürtel von München lebt es sich auch gut, gerade weil alles erreichbar ist.

Aussteigen oder nicht?

Während ich in der U-Bahn sitze und mir weiter Gedanken mache, ob ich doch mal meine Fahrt unterbrechen sollte und genieße, wofür Touristen aus aller Welt hierher kommen, ist das Zentrum schon an mir vorbei gerauscht. Halt! Ich könnte ja jetzt an der Fraunhofer-Straße noch schnell aussteigen, über die Reichenbachbrücke gehen, einen Blick auf die Isar werfen und am Kolumbusplatz wieder einsteigen. Wusch! Wieder zu spät! Das blaue Kunstleder der U-Bahn hat Super-Haftkraft. Warum auch, die Isar ist morgen auch noch da. Würde ich zum Beispiel die Isar vermissen? Gewiss doch, obwohl ich die Isar südlich von München reizvoller finde als in der Stadt, obwohl das renaturierte Flussbett die Freizeitqualität in weitere Sphären gehoben hat. Gingen mir Frauenkirche, Siegestor oder Oktoberfest ab? Natürlich würde ich das alles vermissen, genauso wie den Viktualienmarkt mit seinen Gurken aus dem Fass. Warum? Na, wegen Heimweh natürlich du Depp!

Die Analyse hierfür hat Alexander Lernet-Loneia gut formuliert:
„Heimweh hat man nie nach verlorenen Orten, man hat es immer nur nach einer verlorenen Zeit.“

Demnach würde ich vermutlich alles vermissen. Jeden Isarkiesel, jeden Kastanienbaum und jede U-Bahn-Station. Warum? Wegen dieser pappsüßen sentimentalen Erinnerungen, die sich hierzu angehäuft haben.

Panorama und Heim.t

Und wenn ich Euch jetzt schon Duze, dann will ich Euch noch ein Geheimnis verraten. Was ich in der Ferne niemals sehen dürfte ist das Panorama von München und seiner bayerischen Voralpen. So schnell könntest du gar ned schaugn, dass i da ned wieda hi wui. Nauf, Richtung Minga schaugn, dei Brotzeit essn und zu de andern Berg rübaschaugn, wost a scho drobm warst. Upps, Entschuldigung, die Sentimentalität hat sich auf mein Sprach- und Schreibsystem gelegt.

Meine Entscheidung steht: München ohne Panorama mit Bergen ist scheiße, weil für mich erst die Berge und die Sehnsucht nach einer guter Zeit gestern und morgen auf den Punkt bringen. Weil München größer als das reine Stadtgebiet und untrennbar mit seiner bayerischen Voralpenlandschaft verbunden ist. Weil man seine Flasche Augustiner Bier auf dem Jochberg, der Benediktenwand oder auf seinem Schlauchboot im Staffelsee trinken kann.

An klaren Tagen hebt sich jede Gebirgskante besonders klar gegen den Himmel ab und wirkt zum Greifen nahe. Der Guffert mit seiner markanten Scharte, Wendelstein, Wallberg und wie sie alle heißen winken einem auffordernd zu und flüstern: „Na, magst ned mal wieder vorbei schaugn?“. Münchner sind deswegen nicht nur berggeil, sondern meist auch italophil. Als nördlichste Stadt von Italien (teilweise durchaus berechtigt) sind die Berge das Einfallstor in den Süden. Ohne Tor kein Willkommen!

Mist, es will raus, aber ich will „Heim.t“ nicht beim Namen nennen, da es eventuell zu volkstümlerisch wirken könnte.

Ach ja …  Jetzt wo wir uns gerade so nett unterhalten, will ich offen über eine gewagte These sprechen: Kann es sein, dass München in grauer Vorzeit vielleicht Hobbingen hieß und Oberbayern einst Auenland genannt wurde? Als wahrer Freund der Bücher von „Herr der Ringe“ liegen die Parallelen doch klar auf der Hand! Die Alpen sind die Nebelberge, Bruchsal könnte bei Garmisch liegen. Die großen Füße der Münchner und ihre eher kleine Gestalt kommen doch auch nicht von irgendwo her.  Na, machts klick?!

Mittlerweile ist die U-Bahn in Neuperlach Süd an die Oberfläche gefahren. Jetzt noch weiter mit dem Bus. Gedanklich bin ich schon längst wieder woanders, nämlich im Wochenende und im Oberland.

Unser draussen zwischen München und den Alpen

Mit München im Kreuz und die Berge vor der Nase sind Gitta und ich regelmäßig beim Rosinenpicken im bayerischen Voralpenland unterwegs. Es ist dort leerer, weil der gemeine Münchner scheinbar nur die Berge kennt, dazwischen aber grausige Wissenslücken hat. Wer wissen will, wohin es uns so verschlägt kann sich mal mit unserer Tourenübersicht beschäftigen.

Übrigens: Bin heute auf den Weg zur Arbeit am Odeonsplatz ausgestiegen, mit der Rolltreppe hochgefahren und habe dort einmal tief durchgeatmet. Wer ko der ko!

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