Skulptur-Lichtung & Bildhauersymposien: Tobel in Valley/ Hohendilching

Wer der wildromantischen Mangfall ab Valley flussabwärts folgt, erfährt an der Anderlmühle unterhalb von Hohendilching Überraschendes. Ein japanisches Tor in Weiß und Rot empfängt unweit der Brücke zufällige Wanderer und Besucher mit klarem Ziel. Dahinter, tonnenschwere Granitsteine mit filigran herausgearbeiteten Ornamenten oder federleichte Installationen, die sich wie Spinnennetze an Bäume krallen, sind nur einige Objekte, die hier eine faszinierende Symbiose mit der Natur eingehen. Wir haben uns mit Tobel und seiner Frau Christiane getroffen, die an der Skulptur-Lichtung zusammen mit KUNSTDÜNGER e.V. international beachtete Bildhauer*innen Symposien veranstalten. Ein spannendes Gespräch mit zwei Künstlern, die hier an der Mangfall ausreichend Freiraum für Ideen und Ausdruck gefunden haben.

Zuerst in der Werkstatt an der Anderl-Mühle den Fisch im Tee streicheln

Die Werkstatt von Tobel ist ein kleiner spitzgiebliger Bau im Norden der Skulpturlichtung. Im Innern ist es hell und fast einen Tick zu sauber. Vielleicht liegt das daran, dass sich im Sommer besser im Freien arbeiten lässt. Ein mächtiger Kettenzug an der Decke, daneben ein grüner Ventilator in Cadillac-Optik, im Eck ein kleiner Ofen, eine Werkbank mit Stiften und Krimskrams, Steinmuster. Gitta und ich versinken im braunen Ledersofa, während Tobel und Christiane uns gegenübersitzen. Loungig. Vor uns am Couchtisch das Tablett mit runder Steinplatte und eingearbeiteter Vertiefung nebst Fisch. Tobel startet das Gespräch mit einer Taiwanesischen Teezeremonie. Der erste Aufguss mildert die Bitterkeit des Ulong-Tees und wird in den kleinen Steinteich geschüttet. Mit einem kleinen Pinsel wird der Rücken des Fisches gestreichelt, was Glück bringt. Schon sind wir mitten im Gespräch.

TOBEL, geboren 1968 in München, absolvierte eine Steinmetzlehre und bildete sich an der Fachschule für Steinbildhauer in Laas/Italien weiter. Nach seinem Studium der Bildhauerei in Müllheim/ Schweiz ist er freischaffend in seiner Werkstatt in Valley bei München tätig.

Verheiratet ist Tobel mit Christiane Ahlhelm, geboren 1971 in Schleswig-Holstein. Sie besuchte die Schauspielschule Dimitri im Tessin (CH). Seit 1994 entstehen Regiearbeiten bei freien Theatergruppen sowie Eigenproduktionen. 1997 gründete sie mit anderen Künstlerinnen und Künstlern die Gruppe Kunstdünger, die auch das Bildhauer*innen Symposium an der Anderlmühle ausrichtet.

Weckruf in Ungarn: Zusammen und ohne Berührungsängste

Um zu erfahren, wie es mit der Skulptur-Lichtung begann, muss man ins Jahr 1994 und zum Wood Sculpture Symposium in Nagyatad /Ungarn gehen. Tobel erzählt, dass er hier als junger Bildhauer ohne Aufträge erstmals die internationale Zusammenarbeit ohne Konkurrenzdenken kennengelernt und ihn maßgeblich beeinflusst hat. Seit dieser Zeit ist er jährlich auf mindestens einem Symposium vertreten, auf dem er vor Ort eine Skulpturen-Idee handwerklich ausführt und neue Kontakte in die ganze Welt knüpfen kann.

Die Liebe zu Asien begann 2003 auf dem Taiwan International Stone Sculptural Festival. Tobels Gastgeber ließen ihn an seiner ersten Teezeremonie teilhaben, wobei der ziemlich starke Tee die Gesellschaft nicht ruhiger, sondern wacher werden lässt. Zwei Monate war er als ausgewählter Bildhauer in Taiwan. TOBEL bearbeitete in der fünfwöchigen Arbeitsphase nicht nur einen 13 Tonnen schweren Marmorblock, sondern konnte weitere Kontakte zu Kunstvermittlern und Galerien knüpfen. Seit dieser Zeit hat er nicht nur Taiwan unzählige Male besucht, sondern auch Auftragsarbeiten in Korea oder China, sowie weitere Projekte in Albanien, Argentinien, Bahrain, Deutschland, Israel, Italien, Kasachstan, Lettland, Litauen, Österreich, Portugal, Taiwan, Türkei, Ungarn realisiert.

Tobel legt an der Mangfall die stille Sprache der Steine offen

„Um die Stille in meinen Skulpturen zu erzeugen, muss ich eine Menge Krach machen.“
Tobel/Valley Hohendilching

Kunst ist ein Prozess, der sich zuerst im Kopf abspielt. Zuerst beim Schaffenden, dann beim Betrachtenden. Die Interpretation kann manchmal unterschiedlicher nicht sein. Egal. Kunst ist bedeutsam, wenn sie eine Reaktion auslöst. Wir finden, dass hier an der Anderlmühle ein besonderer Platz ist, nicht nur um Skulpturen zu erschaffen, sondern sie in der Natur im Laufe der Jahreszeiten auf sich wirken zu lassen. Um es aber mit den Worten der Künstler zu sagen:

„Skulpturen habe eine eigene Sprache, eine ohne Worte, eine die durch Begreifen und Sehen zu verstehen ist. Eine Sprache, die in der Melodie des Herzens oder des Unterbewusstseins klingt. Unabhängig von Zeit gilt es in den Dialog mit dem Betrachter und der Betrachterin gehen. Die Skulpturen haben ihre Formen verinnerlicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie liegen im Inneren des Steins, strahlen an machen Seiten groß und offen heraus, locken an anderen Stellen verborgen und klein. Die natürliche Außenseite des Steins bleibt, so oft es geht, unberührt rau und erweitert und vertieft damit die gestaltete Form um eine Millionen Jahre alte Geschichte.“

Leidenschaft in Serie: Intern. Kunstünger e.V. Bildhauer*innen Symposien an der Anderlmühle

Der Tee ist hervorragend und auch der Rhabarberkuchen. Neun Jahre ist es mittlerweile her, dass neben der internationalen Arbeit von Tobel, Bildhauer und Bildhauerinnen aus verschiedenen Teilen der Welt an die Anderlmühle kamen. Initiiert von Tobel und seiner Frau Christiane hat sich aus einem „Pilotprojekt“ wie sie sagen, eine jährlich wiederkehrende Serie entwickelt, die letztes Jahr erst Corona gestoppt hat. Man braucht nicht nur jede Menge Antrieb, die Organisation für diesen Event zu stemmen, sondern auch Sponsoren. Mit der Unterstützung des Vereins KUNSTDÜNGER e.V. – Christiane engagiert sich im Vorstand – werden Künstler eingeladen, um in drei Wochen an der Mangfall mit Stein, Holz oder anderen Materialien bleibende oder vergängliche Kunstwerke zu gestalten. Es gilt Flüge zu buchen, Unterkunft und Verpflegung sicherzustellen, Werkzeug und Material zu besorgen.

Tobel führt uns zum nostalgischen Bauwagen. Im Inneren eine Weltkarte mit Verknüpfungen und Fotos, wo seine Skulpturen ihren Raum gefunden haben, ein Bett und ziemliche viele Muster und Steine. Außen ein Rahmen mit Skizzen und Entwürfen in Miniatur. Sie dienen als Grundlage, damit Tobel im Vorfeld das richtige Material besorgen kann.

Jede Menge Arbeit, welche die Initiatoren schon mal dazu hinreißen lässt mit einem Aussetzen der Serie zu liebäugeln. Aber nur einen kurzen Augenblick und auch nur, wenn es besonders stressig ist. Auf den kreativen Austausch mit ihren Gästen können und wollen Tobel und Christiane aber nicht wirklich verzichten. Besucher sind bei dem Bildhauer*innen Symposium übrigens herzlich willkommen, um den Entstehungsprozess hautnah erleben zu können! Wir hoffen sehr, dass 2021 im September die Serie fortgesetzt werden kann!

An der Skulptur-Lichtung sinnen und schmunzeln

Über 20 monolithische Skulpturen von Bildhauer’innen aus der ganzen Welt sind mittlerweile an der Skulptur-Lichtung zu betrachten. Wir sind mittlerweile viele Male vorbeigewandert und freuen uns auf die stetige Veränderung und dass Kunst uns ein Lächeln entlockt. Für Tobel sind seine Steine „Zeitdepots“ die er mit seinen Skulpturen freilegt, für uns teilweise alte Bekannte, die wir im Laufe der Jahreszeiten besuchen.

Richtig, die Riesenweißwurst aka „Extrasausage“ von Bob Budd befindet sich nicht mehr auf der Skulptur-Lichtung. Ein Verkauf wäre denkbar und möglich, aber bei diesem Objekt liegt es daran, dass es verliehen wurde. Das liegt daran, dass die Kunstwerke nicht verkauft, sondern verliehen werden. Die Riesenweißwurst kann jetzt übrigens am Wasserschloss Reisach besichtigt werden (SZ-Beitrag)

Skulptur-Lichtung