Was von der ehemaligen Luftforschungsanstalt München (LFM) in Ottobrunn und dem KZ-Außenlager Dachau übrig blieb

Ich sags lieber gleich, die Runde ist nicht schön. Schneeregen hin oder her, selbst bei schönerem Wetter wird sie nicht besser. Wer sich einen schönen Sonntag machen will, dem sei eine andere Tour empfohlen, Geschichtsinteressierte könnten allerdings auf ihre Kosten kommen.

Lager

Gedenktafel am Mahnmal zum KZ-Außenlage an der Kreuzung Unterhachinger Straße / Rosenheimer Straße

2009 bin ich auf die Hintergründe gestoßen, als Freunde und ich einen rießigen Tunnel im Ötztal aus dem dritten Reich besichtigten, um den größten Windkanal seiner Zeit zu bauen. Ohne Informationen rief der Besuch jedoch mehr Fragen als Antworten auf, weswegen ich nach den Hintergründen recherchierte und in Zuge dessen auf die Luftforschungsanstalt München (LFM) stieß, welche in Ottobrunn federführend für den Bau des Windkanals war (Meinen kurze Zusammenfassung hierüber findet ihr hier). Neugiering wollte ich wissen, wo denn die LFM genau war und fand einige spannende Details heraus, die man im heutig urbanen Siedlungsgebiet nicht vermuten würde. Die Ergebnisse arbeitete ich in einen Geocache ein, um Interessierten genau an die richtigen Stellen zu führen und ihren Hintergrundinformationen zu geben. Der Geocache existiert heute nicht mehr.

Eine sehr aufschlußreiche Publikation und Grundlage für meine Recherchen ware die kostenlose Publikation „Im Zwang für das Reich“ von Martin Wolf. Die Informationen habe ich durch zusätzliche Quellen ergänzt. So hat es etwas länger gedauert, bis ich mir sicher war, wo sich genau das Aerodynamischce Institut befunden hat, bis ich in einem Buch über die Geschichte von MBB von einem Foto der Hauptverwaltung aus den 60er Jahren, die Reste des Windkanals-Gebäudes entdeckt habe. Fotos als Zeitdokumente habe ich mal weggelassen, da ich keinen Ärger mit dem Urheber bekommen möchte. Letzte Zweifel konnte ich beseitigen, als ich mich mit Luftaufnahmen von 1945 und 1953 näher beschäftigt habe.

Rekonstruktion des LFM-Areals von 1945

Plan der LFM Ottobrunn 1945

Plan der LFM Ottobrunn 1945

Entsprechend meinen Möglichkeiten habe ich unterschiedliche Fotos ausgewertet, um mir ein unfassendes Bild der LFM zu machen.Die beigen Flächen stellen die Grundstücke vorhandener Siedler dar. Sie waren auf dern Luftaufnahmen sehr schwer auszumachen, weswegen hier unschärfen bestehen. In Rot habe ich die voraussichtlich der LFM und seinem Außenlager zuzuordnende Gebäude gekennzeichnet. Gelb sind als Felder zu erkennende Flächen. Zur besseren Orientierung habe ich in blau bestehende Sportflächen und das Phoenix Bad aufgenommen, die selbstverständlich damals noch nicht existierten. Schwierig war auch die klare Zuordnung der Zeisig Strasse, die wohl um 45 zwischen durch das KZ-Außenlager geführt hat und somit wenige Meter nördlicher als die heutige Strasse verlaufen ist. Freue mich sehr über wissende Korrekturhinweise!

Heute sind wir mit Freundin Sabine noch einmal die Stationen abgegangen.

Station 1: Das KZ-Außenlager

Das Aussenlager des KZ-Dachau in Ottobrunn existierte von 1944 bis 1945. Es war mit Stacheldraht umzäunt der nachts unter eine Spannung von 2000 bis 3000 Volt gesetzt wurde um die 500- 600 Insassen an ihrer Flucht zu hindern. Es lag amöstlichen Ende des Geländes an der Zaunkönigstraße, deren Häftlinge vorwiegend aus Deutschland, Polen, Italien, der Ukraine, Spanien, Norwegen und aus den Niederlanden stammten.

Das Häftlingslager hatte vier Baracken:, zwei Schlafräume, die Kantinenbaracke mit dem Strafbunker und das Aborthaus. In der Mitte des Hofes befand sich ein etwa 6 qm großer Löschteich, der auch zu Folterzwecken genutzt wurde. Der Strafbunker und die Kantine waren in der dritten Baracke untergebracht. Im Strafbunker befanden sich mehrere extrem kleine Kammern, in denen das Sitzen durch eine Eisenstange verhindert wurde.  (Quelle: „Im Zwang für das Reich“)

Wo die Zeisigstrasse einen Knick macht müsste die Westseite des Außenlagers mit  dem Wachturm, die Kommando-Baracke und die Bunker für Angestellte und SS-Wachen gewesen sein. In den Quellen wird das vor der Kommandobaracke säuberlich angepflanzte Hakenkreuz aus Blumen stets besonders hervorgehoben.

Ein Bau und Abholuzungsverbot sollte Bombenangriffe auf die LFM zu verhindern. Die meisten Grundstücke waren jedoch ohnehin als forstwirtschaftliche Nutzfläche ausgewiesen, so dass dies keine größeren Probleme mit der Bevölkerung mit sich brachte. Später fanden vereinzelt Bürger aus der Gemeinde Arbeit bei der LFM oder waren bei deren Bau beschäftigt. (Quelle: „Im Zwang für das Reich“)

Station 2: Provisorische Werkstätten

Die provisorischen Werkstätten zur Herstellung von Spezialteilen wurden westlich der heutigen Drosselstraße erbaut und betrieben.

„Trotz Personalmangels im Forschungssektor wuchs das Projekt ins Gigantische, zumal das Gelände  groß genug war, um die Planungen auszuweiten. Es sollte ein Institut nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und ganz nach den Wünschen der Forscher gebaut werden, so dass eine effektive Arbeit möglich war. „(Quelle: „Im Zwang für das Reich“)

Station 3: Aerodynamisches Institut

Die Gebäude des Aerodynamischen Instituts befanden / befinden sich etwas südlicher des 1969 errichteten Ottobrunner Sportparks am Haidgraben und auf dem südlich daran anschließenden Gebiet der European Aeronutic Defense and Space Company. Vielen Dank an Hans, der aufklären konnte, dass das Gebäude des 3m-Windkanals noch existiert, „allerdings seit den 60er-jahren mit Eternit verblendet, an zwei Stellen angestückelt, die Luftleitrohre abmontiert“.

Im Bau waren unter anderem

  • ein Zwei-Meter-Windkanal als Provisorium,
  • ein Drei-Meter-Hochgeschwindigkeitswindkanal und
  • ein Überschallwindkanal.

Die Gefangenen halfen in erster Linie beim Bau der LFM und wurden hin und wieder zu Aufräum- und Gelegenheitsarbeiten herangezogen. Sie waren entweder bei der LFM selbst oder bei den Baufirmen beschäftigt. Sie verrichteten reine Bauarbeiten, geheime technische Geräte montierten sie nicht. (Quelle: „Im Zwang für das Reich“)

Reste des aerodynamische Institut sind hinter neuzeitlicher Fassadenvergkleidung verborgen. Vom Windkanal selbst steht heute nichts mehr.

In den quadatischem einstöckigen Bau der nach dem Krieg gebaut wurde, war in der unmittelbaren Nähe zum Aerodynamischen Institiut die Messerschmitt-Bölkow-Blohm Zentrale untergebracht. Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) gehörte zu den größten deutschen Luft- und Raumfahrt- sowie Rüstungskonzernen. Durch unterschiedliche Unternehmenszusammenschlüsse (DASA  MBB ERNO / EADS) hatte es auch am Ende zuletzt auch als EADS-Hauptquartier ausgedient.  Das Gelände wird heute von unterschiedlichen Firmen als Unternehmensitz genutzt. Viele der damaligen Gebäude sehen aber einfach leer und warten auf Abriss oder einen neuen Aufgabe.

Station 4: Planung und Konstruktion

Auf dem heutigen Gelände der heutigen Grundschule waren Baracken für die Planung und Konstruktion untergebracht, die teilweise noch bis lange nach dem Krieg existierten.

Um den Aushub und den benötigten Baukies zu transportieren, wurde zwischen der Kiesgrube, dem Triebwerks- und dem aerodynamischen Institut eine einfache Lorenbahn entlang der heutigen Einsteinstraße eingerichtet.

 

Station 5: Das Lager für Kriegsgefangene

Nachtrag: Das ehemalige Lager für den Bautrupp des Institutes für Triebwerkforschung und der Wachmannschaften befindet sich im Waldstück nördlich des heutigen Gewerbegebiets Brunnthal (Käfer). Als der Sturm vor einiger Zeit Bäume ausgerissen hat, wurden darunter Fundamente von den ehemaligen Baracken sichtbar. Die Anlagen wurden mittlerweile größtenteils zur Evaluierung der Bodenbeschaffenheit freigeräumt.

Bis etwa in die 70er Jahre haben die Baracken hier wohl noch gestanden, die unmittelbar nach den Krieg von Flüchtlingen und später anderweitig genutzt wurden. Die Bauten wurden abgerissen, der Splitterbunker mit seinen drei Eingängen teils mit Beton verfüllt.

 

Station 6: Institut für Triebswerkforschung:

Die Prüfstande für Raketen- und Luftstrahltriebwerke des Instituts für Triebwerksforschung findet man etwa 1,5 Kilometer, der Einssteinstrasse folgend, südlich der heutigen Bundesstraße B471. Weil diese Anlagen großen Lärm verursachen und andauernde Explosionsgefahr bestand, wurde dieser Werksteil in dieses Waldstück verlegt. Hier war auch ein weiteres kleineres Arbeitslager für Kriegsgefangene untergebracht. Es lag am Nordrand der heutigen B471 und grenzte im Osten an die Einsteinstraße

Als allerletztes Rückbleibsel der ehemaligen LFM ist ein Gebäude am Eugen Sänger Ring 4 überiggeblieben, wo Prüfstände untergebracht werden sollten (Gewerbepark Brunnthal). Auf alten Luftaufnahmen ist es sehr gut in einem damalig dichten Waldstück zu erkennen. Es hat im Laufe der Zeit einige Unternehmen beherrbergt. Heute findet man dort zum Beispiel das Einrichtungshaus „Stilbasis“,  was auf seiner Website schreibt: „Wo einst die NASA die Raketenstufen der Ariane konstruiert und getestet hat, starten heute heiße Innovationen in den Markt für Designmöbel.“ Das klingt auf jeden Fall besser (nicht unbedingt richtiger) als: „Dort wo die Nazis hochexplosive Versuche für bessere Massenvernichtungswaffen geplant hatten, findest du heute Knaller-Innovationen in den Markt für Designmöbel“.

Ich freue mich sehr, für weitere Informationen oder ggf. Richtigstellungen!!

Kleine Orientierungshilfe

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LUFTFORSCHUNGSANSTALT MÜNCHEN (LFM)

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1. STANDORT DES KZ-AUSSENLAGERS IN OTTOBRUNN: 48.057201, 11.664423
3. PROVISORISCHE WERKSTÄTTEN: 48.054856, 11.659423
4. PLANUNG UND KONSTRUKTION: 48.054297, 11.661097
5. INSTITUT FÜR TRIEBSWERKFORSCHUNG: 48.040648, 11.663446
Institut fur Triebwerksforschung: 48.040594, 11.663645
2. AERODYNAMISCHES INSTITUT: 48.054928, 11.653630
EHEMALIEGS LAGER FÜR KRIEGSGEFANGENE: 48.043818, 11.664026
EHEMALIGE EINFAHRT ZUM GELÄNDE: 48.042212, 11.665850
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