Homecamp: Vom Aufbrechen, Freisein und Ankommen – Dumont-Verlag

Was brauchst Du um glücklich zu sein? Wenn es im Leben einigermaßen richtig gelaufen ist, dann sollte weniger reichen. Einfach sein Ding machen – und das nicht auf Kosten anderer ist befreiend und sehr befriedigend. Das Buch Homcamp: Vom Aufbrechen, Freisein und Ankommen spürt Menschen nach, die ihrem Kompass folgen, und sich nicht von Materiellem blenden lassen. Es geht um Menschen, deren innerer Antrieb von Reflektion bestimmt ist und die dafür bereit sind, für ihr Glück die Komfortzone zu verlassen. Das australische Autorenehepaar Doron & Stephanie Francis stellen im Bildband aus dem Dumont Verlag Menschen und ihre Lebensüberzeugungen vor, und welchen Gewinn sie persönlich daraus erfahren.

Das Buch wurde mir zur Rezension kostenlos zur Verfügung gestellt. Eine Gefälligkeitsbewertung ist es dennoch nicht , sondern spiegel meine eigene Meinung dar.

Die Idee: Menschen zu Abenteuern ermutigen

Die Macher von „Homecamp“ eröffneten 2014 einen Onlineshop für nachhaltigen Campingbedarf und dazu einen Blog mit Inspirationen und Anleitungen. Ihr Ziel: Leute zu Abenteuern ermutigen. Der Bild- und Geschichtenband aus dem Dumont Reiseverlag berichtet auf 272 Seiten von Menschen und Erfahrungen, die ihr Leben und ihre Sichtweisen verändert haben. Der Bogen spannt sich weit: Aufsätze und Interviews greifen Erlebnisse aus Australien, Finnland, Amerika und anderen Ländern auf (Deutschland ist nicht dabei). Teils großformatige Fotos erweitern den Text auf visueller Ebene. Ein Strand mit Horizont, der sich in der Ferne auflöst, ein zum Camper umgebauter Schulbus im Abendlicht, Radfahrer bei ihrer Bergüberquerung. In die Bilder kann man förmlich eintauchen. Manchmal erweitern Zitate eine Szene, die mich zum schmunzeln und nachdenken anregen.

„Auf der anderen Seite eines Berges wartet immer vielleicht etwas Gutes: eine neue Sprache, besserer Käse, Gold, Regenbögen, goldene Regenbögen … Aber nur, wenn man es hinüber schafft.“ 

Doch nicht alle Quotes treffen ins Schwarze: „Jede Minute malte den Himmel in immer neuen Farben, die sich auf rosaroten, violetten und roten Schwingen ausdehnten „ aus „Der Wechsel der Gezeiten“ klingt eher wie Poesie-Kitsch auf einen Kalenderblatt. Viele Geschichten, unterschiedliche Autoren. Nicht jeder Abenteurer artikuliert wie Hermann Hesse. Muss er auch nicht, wenn er die Essenz irgendwie zu fassen bekommt und die Schachtelsätze nicht zu lang werden.

Meine Lieblingsstories in Homecamp

  • Das Team hinter dem Yonder Journal, das die Dinge gern ein bisschen anders macht z.B. auf Leichtfahrrädern Gebirgspässe auf der ganzen Welt zu überqueren, die vielleicht nicht ganz für Fahrräder ausgelegt sind. Ihre Überzeugung: auf der anderen Seite eines Berges gibt es immer etwas Gutes zu entdecken.
  • Oder „die Kraft alltäglicher Abenteuer“, die Alastair Humphreys vor der Haustüre findet. Er schnappt sich Biwak, Isomatte und Regenmantel und geht auf Nachtwanderung in den Wald.  Los geht’s um fünf Uhr nachmittags, und zurück, dass er um neun Uhr wieder am nächsten Morgen am Schreibtisch sitzt.
  • Warum nicht einen Pop-Up-Campingplatz im Olivenhain ausrichten, wie Stephanie Francis. Menschen um ein Feuer zu scharen, die Sterne beobachten und später in ein behagliches Zelt kriechen? Ich träume auch von einem alternativen Campingplatz, so einen wie Welsummer in Kent.

Weitergedacht: Muss man jung sein, um über seinen Schatten zu springen?

Nein, muss man natürlich nicht, aber es scheint einfacher zu sein. Wenn du keine Plagen an der Backe hast und das mit der Altersvorsorge auch noch warten kann, ist ein alternatives Lebenskonzept vielleicht einfacher. Die Konsequenz, mit der man seine Ideen in Taten umsetzt, braucht manchmal einen stärkeren Willen und weniger Verantwortung für Andere. Die meisten Akteure im Buch haben die gefühlte Mitte ihres Lebens noch nicht erreicht. Mitch Williams, der in einem Nissan E20 mit Kerzen als Lichtquelle lebt oder Doron & Stephanie Francis, die in Kamtschatka Wintersurfern begegnen. Auch die zwei Homecamp Initiatoren haben ihre Reisegewohnheiten seit der Geburt ihres Kindes umgestellt. Die Verpflichtung für ihren Online-Store, die Familie haben Konsequenzen. Die Zelte werden robuster und vermutlich die Autos größer. Weil das Rückgrad mit dem Alter auch nicht besser wird, haben auch wir beim Camping mittlerweile auf die teuren Therm-a-Rest-Liegematten umgestellt. Wer aber bereit ist, für sein Glück auch mal die Extrameile zu gehen – weil es sich einfach richtig anfühlt –  der macht bestimmt einiges Wesentliche richtig. Das Alter ist da egal, und vielleicht auch von Vorteil, da man weiß, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Tutorials fürs Abenteuer

Sind die Geschichten der Charaktere, die sich auf unterschiedliche Arten und Weisen auf die Natur einlassen inspirierend, waren die „Anwendertipps“ für das große Abenteuer dagegen etwas beliebig. Tipps, wie man „für eine Autocampingreise packt“ oder  „Feuerholz hackt“ hätte es nicht unbedingt gebraucht. Einen hochwertigen Bildband werde ich nicht auf Tour als Checkliste verwenden.  Und wer das Produkt AeroPress nicht besitzt, kommt nach dieser Anleitung  nie in den Genuss eines „Perfekten Lagerfeuer-Cafés“.

Homecamp Fazit

Natürlich kann man nicht einfach alles Zurücklassen. Aber man kann anfangen, das Besondere im Moment zu suchen und diese Momente bewusst herbeizuführen. Das versuchen wir selbst so oft es geht. Es reicht ein Tag, und manchmal ein halber, eine gute Zeit zu haben. Und man kann eine oder zwei Schippen darauflegen. Homecamp ist kein Buch extremer Lebensentwürfe. Das gefällt mir.

In der Einleitung heißt es: ”In Homecamp geht es darum, neue Wege zu finden, um bedeutungsvolle Erfahrungen zu machen und einen stärkeren Bezug zur Erde herzustellen.“ Vielleicht liegt es an der deutschen Übersetzung, die an dieser und jener Stelle etwas sperrig klingen und Bedeutsamkeit in die Seiten hineinschreibt. Manche Dinge sind einfach nur schön und muss man genießen. Genau wie eine Schlauchbootfahrt bei schönem Wetter auf der Isar. Ist dies bedeutsam? Vielleicht, ich würde es aber nicht so nennen, weil mir der Begriff Freude besser gefällt. Im Prinzip sprechen wir vom aber vom Gleichen.

Insgesamt ein tolles Buch mit stimmigen Bildern, dem es aber manchmal schwer fällt, das Abenteuer in fliegende Worte zu kleiden. Mittlerweile ist Homecamp im Zimmer meiner Tochter verschwunden, die es ganz wunderbar findet.

DuMont Bildband Homecamp.
Gebundene Ausgabe:
 272 Seiten
Verlag: DUMONT REISEVERLAG; Auflage: 1
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3770182243
ISBN-13: 978-3770182244
Größe und/oder Gewicht: 22,4 x 3,4 x 29 cm

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